Fotoserie: Familiengärten zwischen Telli und Autobahn

Fotodesign Design
2015

In meiner Fotoserie zeige ich, wie Schrebergärten heute genutzt werden – als Rückzugsorte, Kulturflächen und Räume der Eigenverantwortung.

Familiengärten in der Schweiz: Ein Stück Geschichte, ein Stück Heimat

Mein Interesse an Schrebergärten hat tiefe Wurzeln in meiner Familiengeschichte. Mein Grossvater züchtete Hasen, um die Familie zu versorgen. Später riet mir der Vater eines Jugendfreundes, einen Garten anzulegen – als Vorsorge, falls es je wieder Krieg geben sollt. Diese Erfahrungen zeigen, wie eng Selbstversorgung, Rückzugsorte und Sicherheit miteinander verbunden sind.

In meiner Genossenschaft begegnete ich älteren Menschen, die in Kleintiervereinen organisiert waren. Einige nutzten kleine Gärten direkt bei ihren Genossenschaftshäusern, andere bekamen Land über den Verein für die Zucht. Diese Orte, die in den 1950er-Jahren entstanden, stehen für Selbstversorgung, Gemeinschaft und eine gelebte Lebensweise.

Bildunterschrift 1

Bildunterschrift 1

Ursprung der Familiengärten (19./20. Jh.)

Die Schweizer Familiengärten, wie wir sie heute kennen, sind aus einer historischen Not entstanden. Sie waren eine direkte Antwort auf die harten Lebensbedingungen der industriellen Zeit: Viele Arbeiterfamilien lebten in grosser Armut, ihre Löhne reichten kaum für Nahrung, und die Städte wuchsen rasant. Besonders ungelernte Arbeiter und Gelegenheitsarbeiter hatten es schwer.

Erste Arbeitshütten & Soziale Integration (1913–1915)

Um die Not zu lindern, stellte die Stadt Zürich Randflächen für landwirtschaftliche Nutzung zur Verfügung. Arbeitslose Männer konnten hier Land bewirtschaften. Die ersten Arbeitshütten boten ihnen Beschäftigung und förderten die soziale Integration. Aus dem Verband Arbeitshütte entstand schliesslich der Verein für Familiengärten, der die Bewegung bis heute prägt. 1915 erhielten Arbeiterfamilien Land, das sie intensiv nutzen konnten. Statt auf finanzielle Unterstützung angewiesen zu sein, förderten die Kleingärten die Selbstversorgung, eine gesunde Ernährung und den sozialen Zusammenhalt auf kleinstem Raum. Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Bedeutung: 1900 mussten Familien rund 54 % ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, heute sind es knapp 10 %.

Kleingärtner von heute: Aktuelle Herausforderungen

Familiengärten sind Heimat. Sie bewahren Werte, fördern Engagement und geben Raum für eine aktive, verantwortungsbewusste Gemeinschaft. Dennoch verschwinden immer mehr Areale zugunsten von Siedlungsdruck oder gemeinschaftlich verwalteten Flächen.

Heute sind die Gärten im Bündtenareal «Kläranlage» in Aarau und Obermatt in Rohr ein Zuhause für Menschen aus über 15 Nationen. Auf engem Raum treffen unterschiedliche Kulturen und Lebensweisen aufeinander. Die Ortsbürgergemeinde stellt die Gärten für Anbau, Freizeit und Erholung zur Verfügung, und klare Regeln sorgen dafür, dass 60 % der Fläche bepflanzt und 40 % für Freizeit genutzt werden. So bleibt der ursprüngliche Zweck der Gärten erhalten – auch wenn die Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie sie ihre Parzellen nutzen.

Stimmen aus den Familiengärten

Ich lebe in einem der Telli-Hochhäuser, das ich selbst mitgebaut habe. Doch hier im Schrebergarten, zwischen Tomaten und Artischocken, liegt mein Rückzugsort. Ich träume von meiner Heimat Parma. Und irgendwo dazwischen bin ich zu Hause.

Herr QuattrocchiSchrebergärtner im Bündtenareal «Kläranlage», ursprünglich aus Parwa, Italien

Als Kind ass ich, was auf dem Markt nicht verkauft wurde. Heute denke ich oft daran, wie meine Mutter sich freuen würde, dass ich ihr Handwerk weiterführe. Ihren grünen Daumen habe ich geerbt – alles, was ich pflege, wächst und blüht.

Herr WehrliLangjähriger Schrebergartenbesitzer im Bündtenareal «Kläranlage»

Ein Leben lang habe ich hart gearbeitet. Nach dem Tod meines Mannes blieb mir nur noch der Garten. Dort habe ich mein Zuhause gefunden – und die Besuche der Kinder schenken mir Freude.

Frau FatmaSchrebergartenbesitzerin im Bündtenareal «Kläranlage», ursprünglich aus der Türkei
Quellenangabe
1. Artikel in einer Zeitschrift: Gallati, M. & Schiller, J. (2011). «Freizeit im Familiengarten. Zur regenerativen Funktion der Zürcher Kleingärten seit ihrer Gründung bis in die 1960er Jahre». Schweizerisches Archiv für Volkskunde (SVAk). Hier herunterladen.
2. Postulat: Gemeinderat Zürich (4. Oktober 2023). Hier runterladen.
Mehr entdecken

Wie geht es weiter?

Grönland – Dialog mit den EisbergenFotodesign

Grönland – Dialog mit den Eisbergen

Fotoserie Familiengärten TelliFotodesign

Fotoserie Familiengärten Telli

Magazin «Mittwoch»: Konzept und GestaltungTypodesign

Magazin «Mittwoch»: Konzept und Gestaltung

Verein Treffpunkt Demenz und KulturWebdesign

Verein Treffpunkt Demenz und Kultur

Sie brauchen Begleitung bei Design & Kommunikation.flexible und spontane Unterstützung.eine WordPress-Website für Ihren Kleinbetrieb.einen Relaunch mit Webdesign-Konzept. einen stimmigen und einheitlichen Auftritt.